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Biologische Vielfalt – für unsere Zukunft

Deutschland war vom 19. bis zum 30. Mai 2008 Gastgeber der UN-Naturschutzkonferenz.

5000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 190 Staaten werden erwartet. Es ist die 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD). Die Konvention über die biologische Vielfalt ist ein völkerrechtliches Abkommen, das bereits 1992 beim UN-Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro verabschiedet wurde. Unter deutschem Vorsitz wird die Weltgemeinschaft Maßnahmen gegen die anhaltende Naturzerstörung beraten. Die Zeit drängt, denn beim Weltgipfel 2002 in Johannesburg haben die Staats- und Regierungschefs aus aller Welt beschlossen, den rapiden Verlust an biologischer Vielfalt bis zum Jahr 2010 signifikant zu reduzieren (2010-Biodiversitätsziel). Wie weit die Weltgemeinschaft dem Ziel bereits näher gekommen ist, wird deshalb ein zentrales Thema auf der Konferenz sein – die Konferenz ist das letzte Treffen der Vertragsstaaten vor 2010. Der Druck wächst, diese Gelegenheit zu nutzen, um die internationalen Bemühungen zum Schutz der biologischen Vielfalt entscheidend voranzubringen.

Was ist biologische Vielfalt?

Biologische Vielfalt (Biodiversität) umfasst den Reichtum an Arten und Lebensräumen sowie die genetische Vielfalt innerhalb der einzelnen Tier- und Pflanzenarten. Alle drei Bereiche sind eng miteinander verbunden und wirken aufeinander ein. Sie bilden immer neue Kombinationen – wie ein riesiges Netz, in dem stets neue Knoten geknüpft werden. Dieses Netzwerk der biologischen Vielfalt macht die Erde zu einem einzigartigen Lebensraum – für Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermaßen.

Leistungen der Natur

10.000 bis 20.000 Pflanzenarten werden weltweit zur Arzneigewinnung genutzt.

Circa 100 Millionen Tonnen Wasserorganismen wie Fische, Muscheln und Krustentiere werden jährlich gefangen und leisten einen erheblichen Beitrag zur Sicherung der globalen Ernährung (FAO, The State of World Fisheries and Aquaculture 2006).

Je intakter die Selbstreinigungskräfte der Gewässer, desto einfacher und kostengünstiger ist es, Trinkwasser zu gewinnen.

Je größer die natürliche Bodenfruchtbarkeit, desto weniger Dünger muss aufgebracht werden.

Verlust von biologischer Vielfalt

Die biologische Vielfalt nimmt weltweit kontinuierlich ab. Der Mensch – entweder direkt oder indirekt – ist hier der Hauptverursacher. Die stärksten Bedrohungen gehen unter anderem von der großflächigen Zerstörung und Verkleinerung von Lebensräumen, Umweltschäden (zum Beispiel Verschmutzung von Luft, Meeren, Flüssen und Böden), der Übernutzung natürlicher Ressourcen (durch Jagd, Fischerei, Entwaldung, Landnutzungsänderungen etc.), dem Klimawandel sowie von Menschen eingeschleppten Arten aus, die die heimische Flora und Fauna verdrängen.

Arten

Die aktuelle Rate des globalen Artensterbens übersteigt die angenommene natürliche Aussterberate um das hundert- bis tausendfache. Laut der Roten Liste bedrohter Arten, die die Weltnaturschutzunion IUCN im Jahr 2006 veröffentlicht hat, sind circa 15.500 Arten weltweit vom Aussterben bedroht, darunter 23 Prozent aller Säugetiere, 12 Prozent der Vögel und 31 Prozent der Amphibien. Die Gesamtzahl der Arten hat zwischen 1970 und 2000 um 40 Prozent abgenommen.

Ökosysteme

Nicht nur einzelne Tier- und Pflanzenarten, sondern auch zahlreiche Ökosysteme sind weltweit in Gefahr. So sind bereits mehr als 42 Prozent des tropischen Regenwaldes vernichtet und 80 Prozent der karibischen Korallenriffe. 35 Prozent aller Mangroven weltweit wurden innerhalb von nur 20 Jahren zerstört. 25 Prozent aller Meeresfischbestände sind gefährdet, darunter Arten wie Kabeljau, Schellfisch und Heilbutt.

Genetische Vielfalt

Auch innerhalb der einzelnen Arten schwindet die Vielfalt enorm. Experten sprechen inzwischen von „genetischer Erosion". So wurden beispielsweise über Jahrtausende hinweg etwa 3.000 Sorten Weizen, 8.000 Sorten Reis und 6.000 Sorten Mais gezüchtet. Heutzutage liefern weltweit nur noch 30 Arten etwa 95 Prozent der pflanzlichen Nahrungsmittel. Der Rest wird kaum noch verwendet und droht unwiederbringlich zu verschwinden. Genetische Vielfalt und Artenreichtum sind eng miteinander verknüpft. Je geringer die genetische Vielfalt einer Art, desto größer ist das Risiko, dass sie ausstirbt. Ist die genetische Vielfalt dagegen groß, wächst die Chance, dass sich Teile der Population an neue Umweltbedingungen – etwa den Klimawandel – anpassen und überleben können.

Auswirkungen des Verlustes

Der Verlust der biologischen Vielfalt bedroht das Wohl und die Zukunft der Menschheit. Dies hat die „Millennium Ecosystem Assessment"-Studie (MA) ergeben, die 2005 von den Vereinten Nationen veröffentlicht wurde. Denn mit der Zerstörung des Reichtums der Natur nehmen auch die von der Natur bereitgestellten Leistungen ab – die so genannten Ökosystemdienstleistungen, ohne die menschliches Leben nicht möglich ist oder die nur mit sehr großem Aufwand und zu sehr hohen Kosten technisch hergestellt werden könnten. Dazu gehören beispielsweise die Erzeugung von Lebensmitteln, Brennstoffen und Fasern, die Regulierung von Wasserhaushalt und Klima, Sauerstoffbildung, Bodenfruchtbarkeit, Trinkwassergewinnung, Rohstoff- oder Arzneilieferung und der Schutz gegen Naturkatastrophen wie Überschwemmungen. Das MA hat in seiner Studie festgestellt, dass sich bereits 60 Prozent, das heißt 15 von 24 untersuchten Ökosystemen in einem Zustand fortgeschrittener oder anhaltender Zerstörung befinden. Wird die biologische Vielfalt zerstört, hat das also auch erhebliche globale ökonomische Auswirkungen.

Der monetäre Wert der weltweiten Ökosystemdienstleistungen wird abhängig vom Betrachtungshorizont auf 16 bis 64 Billionen US-Dollar geschätzt (IUCN, www.countdown2010.net).

Zum Vergleich: Das Welt-Brutto-Inlands-Produkt liegt bei etwa 18 Billionen US-Dollar. Die biologische Vielfalt zu sichern ist daher integraler Bestandteil einer nachhaltigen Entwicklung und stellt das Fundament für Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Beschäftigung sowie für den sozialen Zusammenhalt und das friedliche Zusammenleben auf der Erde dar.

Ausgestorbene Prominente

Im Dezember 2006: Chinesischer Flussdelfin
(Baiji)

Er ist wahrscheinlich als erste Walart (Flussdelfine gehören zu den Zahnwalen) ausgestorben.

Fossilienfunde zeigen, dass der fast blinde chinesische Flussdelfin den Jangtse schon vor 20.000 Jahren besiedelt hat. Der Mensch hat ihm den Lebensraum genommen. Verschmutzung, Überfischung und Verletzungen durch Schiffschrauben drängten den Baiji immer mehr zurück. Das letzte Exemplar wurde im September 2004 gesichtet.

Im Jahr 2000: Pyrenäen-Steinbock (englisch: Pyrenean Ibex)

Vor einigen hundert Jahren war der Pyrenäen-Steinbock überall in Spanien verbreitet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es aufgrund von massiver Bejagung nur noch knapp 100 Tiere, so dass sie der Ausrottung nahe waren. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs die Population nie über 40 Exemplare hinaus. 1981 waren es noch 30 Tiere, 1990 schließlich nur noch zehn Individuen. Das letzte Tier dieser Gruppe starb im Jahr 1999.

Vermutlich um 1980: Java-Tiger

Diese Art war eine Unterart des Tigers, die auf der indonesischen Insel Java beheimatet war.

Durch starke Bejagung und die Zerstörung seines Lebensraumes ist der Java-Tiger wohl um 1980 ausgestorben. Zuletzt gesehen wurde er 1972.

Schutz der biologischen Vielfalt

Für die UN-Naturschutzkonferenz im Mai 2008 in Bonn hat bereits ein intensiver Vorbereitungsprozess begonnen. Als Schwerpunkte der Verhandlungen wurden folgende Themen identifiziert:

Fortschritte beim Zugang zu genetischen Ressourcen und gerechter Vorteilsausgleich

(Access and Benefit Sharing, ABS)

Während sich die reichste biologische Vielfalt und damit auch der Großteil der genetischen Ressourcen in Entwicklungsländern befinden, verfügen vor allem die Industrieländer über die entsprechenden Technologien, um diese Ressourcen nutzen zu können.

Ein Ziel der Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) ist daher, den Zugang zu genetischen Ressourcen zu gewähren und die Herkunftsländer gerecht an den Gewinnen zu beteiligen, die aus der Nutzung genetischer Ressourcen resultieren. Bei den anstehenden Verhandlungen strebt Deutschland im Grundsatz eine Einigung über völkerrechtlich verbindliche Regeln an, beispielsweise über ein Zertifizierungssystem zur Herkunft genetischer Ressourcen.

Schaffung eines globalen Netzwerks von Land- und Meeres-Schutzgebieten und dessen Finanzierung

Bis 2010 an Land und bis 2012 auf dem Meer soll ein weltweites Netz von Schutzgebieten aufgebaut werden, das alle Lebensräume der Erde abdeckt und in der Lage ist, die weltweite biologische Vielfalt wirksam zu schützen. Die lokale und indigene Bevölkerung soll diese Gebiete nachhaltig nutzen können. Auf diese Weise leistet das Schutzgebietsnetz auch einen Beitrag, um die Armut zu bekämpfen und lokale Gemeinschaften zu stärken.

Schutz der Biodiversität der Wälder

Das 2002 beschlossene Waldarbeitsprogramm soll überprüft und gegebenenfalls fortentwickelt werden. Ziel der Konferenz ist es, weitere Waldschutzgebiete einzurichten, den Wald zu erhalten und den illegalen Holzeinschlag zu thematisieren. Die Kooperation zwischen der CBD und der Klimarahmenkonvention soll verbessert werden, um Synergieeffekte zwischen Klima- und Naturschutzinstrumenten vorteilhafter nutzen zu können.

Die Rolle Deutschlands

Von besonderer Bedeutung für den Vorbereitungsprozess der UN-Naturschutzkonferenz ist die doppelte deutsche Präsidentschaft – der Europäischen Union (EU) und der G-8-Staaten. Im Rahmen der deutschen EU-Präsidentschaft wurden bereits wichtige Weichen für die EUVerhandlungsposition gestellt. Schlussfolgerungen zur biologischen Vielfalt wurden im Umweltrat im Juni 2007 verabschiedet. Sie bereiten eine einheitliche europäische Verhandlungsposition vor. Die G-8-Präsidentschaft stellt insbesondere die Notwendigkeit verstärkter gemeinsamer Aktivitäten zum weltweiten Schutz der Wälder heraus.

Als Gastgeber und Leiter der UN-Naturschutzkonferenz will Deutschland das Ministersegment stärken. Es soll zum entscheidenden Akteur in der Schlussphase der Entscheidungsfindung und Beschlussfassung werden. Daneben soll mit dem Ministersegment ein Forum für konkrete freiwillige Beiträge einzelner Vertragsstaaten oder von Staatengruppen geschaffen werden, um den Rückgang der biologischen Vielfalt bis 2010 drastisch zu verringern oder sogar aufzuhalten.

Eine vollständige Übersicht über die Veranstaltungen sowie über die Programme finden Sie unter www.biologischeVielfalt.de. Hier können Sie sich auch für die Veranstaltungen online anmelden. Außerdem finden Sie dort auch Informationen über die Veranstaltungen, die bereits stattgefunden haben.

Weitere Informationen rund um das Thema biologische Vielfalt, das Übereinkommen über die biologische Vielfalt und die UN-Naturschutzkonferenz sind abrufbar unter

www.naturallianz.de,  

www.bmu.de und www.biodiv.org (englisch).